Schreiben über Kunst Shows, Signals, Unvernehmen
Christian Egger & Margit Neuhold
21.7.2021 18:00–19:00
HALLE FÜR KUNST Steiermark
Die Reihe Schreiben über Kunst der HALLE FÜR KUNST Steiermark stellt in unregelmäßigen Abständen aktuelle Kunstkritik vor. Hier werden Kunstkritiker*innen und ihre Arbeit vorgestellt, gerne im Gespräch mit einer Kollegin. Das Schreiben über Kunst ist für die Künstler*innen, den Kunstbetrieb und die Vermittlung der Kunstproduktionen wesentlich. Ein guter Text kann wertvoll« sein wie ein Kunstwerk, nicht zufällig tauschen sich gegenseitig schätzende Künstler*innen und Autor*innen mitunter ihre »Werke« aus. Bedingt durch diverse Umstände steht die engagierte Kunstkritik schon länger unter Druck, was die substanzielle Textproduktion zusätzlich erschwert. Gleichzeitig wird die Theoriebildung (und die Kunst-Ausbildung) zunehmend akademisiert. Was gut gemeint sein kann ist in seinen Folgen zumindest ambivalent, hier scheint es Zusammenhänge zu geben. Was bleibt ist der Anspruch an den Text, was in Schreiben über Kunst zur Sprache kommen möge.
Das Buch Shows, Signals, Unvernehmen vereint Texte des Kunstkritikers, Kurators und Künstlers Christian Egger der Jahre 2005bis 2020. Dieses Buch enthält Interviews u.a. mit Künstler*innen wie Jutta Koether, Amelie von Wulffen und Gelitin, sowie Rezensionen für Kunstmagazine wie Camera Austria, Springerin und Spike. Diese beispielhafte Sammlung bietet nicht nur einen Überblick über die Ausstellungspraxis der zeitgenössischen Kunstproduktion, vor allem in Österreich dieser Zeit, sondern beschreibt auch die kritische Reflexion und eine intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Varianten, Tendenzen und Protagonist*innen dieser Jahre. Mit einem Vorwort von Martin Herbert und Zeichnungen der Künstlerin Ebecho Muslimova.
»Als Kunststudent, Anfang bis Mitte der 1990er Jahre, verbrachte ich mindestens genauso viel Zeit in der Universitätsbibliothek wie im Studio, um in gebundenen Kunstzeitschriften der letzen Jahre zu stöbern. In der Provinz, von einer pulsierenden Kunstszene abgeschnitten, versuchte ich, die aktuelle Kunstpraxis mit Hilfe der prägnantesten Form kritischer Literatur, der kurzen Ausstellungsbesprechung, besser zu verstehen. Das meiste davon las sich ziemlich theorielastig und trocken; von heute aus betrachtet scheint es einer anderen Welt anzugehören. Seitdem ist die Kunstkritik gemorpht und mehrfach mutiert; sie ist auch ein anderes Biest als sie es in den frühen 2000er Jahren war, als sie meist noch nicht darauf ausgelegt war, online veröffentlicht zu werden, also ein Publikum zu erreichen, das sich nicht dazu verpflichtet hatte, die Kosten für eine Zeitschrift aufzubringen. Bezeichnend für diesen Wandel ist auch, dass das Genre heute oft art writing genannt wird. Eine offenere Bezeichnung als ›Kritik‹, weder besser noch schlechter, denke ich. Sie beruht jedoch auf einigen Voraussetzungen.
Die erste und naheliegendste ist, dass es beim Schreiben über Kunst nicht immer darauf ankommt, unmittelbar Kritik auszuüben – oft geht es eher um eine Fürsprache, wobei der kritische Akt implizit in der Entscheidung liegt, wer besprochen wird, wer nicht besprochen wird. Derweilen geht es auch darum, sich Künstler*innen durch zugängliche Q&As zu nähern, um Feinheiten ihrer Praxis herauszukitzeln und die Tiefen ihres Denkens zu ergründen. Doch hat die aufgeblasene Bezeichnung des art writings, sofern sie im Umlauf ist, auch die Keimung oder den Durchbruch mehrerer Modi eines Denkens-in-Sprache über Kunst und ihr Milieu vorweggenommen, vom experimentellen Essay bis zur geselligen Kolumne, geschrieben aus der Ich-Perspektive, und nicht zuletzt die wechselhafte Stimme des/der Künstler*in als Kritiker*in. Diese Sammlung Christian Eggers (unter anderem) kunstbezogener Schriften und Interviews deckt sich somit explizit mit einer geschichtlichen Zeitspanne, etwa von 2004 bis heute, in der das Schreiben über Kunst durch eine Reihe von Veränderungen überholt worden ist. Wenn manche selbst heute noch darüber klagen, Schriften über Kunst kämen ihnen undurchschaubar vor, frage ich mich, wen sie da lesen und ob sie in letzter Zeit einen Blick in eine Kunstzeitschrift geworfen haben. Sicherlich – und berüchtigterweise – ist einiges von dem, was da herausgegeben wird, vorsätzlich neutral und faktenorientiert und lehnt es ab, dass Meinung und Beschreibung sich die Waage halten, was im kritischen Akt andernfalls wünschenswert ist. Doch muss sich das Schreiben über Kunst, beziehungsweise die Kunstkritik, nicht zwangsweise in einen schleierhaften Kokon hüllen und gespickt sein durch verkannte oder instrumentalisierte Theorie.« (Martin Herbert)
Christian Egger lebt als bildender Künstler, Musiker und freier Autor in Wien. Er ist Mitherausgeber des Künstler*innen-Fanzines www.ztscrpt.net. Als Kurator war er in den Jahren 2013 bis 2016 am KM– Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien, Graz, tätig, wo er sich neben zahlreichen Einzelausstellungen u. a. für die Themenausstellungen wow! Woven? Entering the (sub)Textiles (2015) und Wörter als Türen- in Sprache, Kunst, Film (2014) verantwortlich zeigte. Bei Display Was A Cat Sneaking Toward An Echo Chamber (2020, Ve.sch) und Eyes, Ears, Screens! (Angst & Zeit) (2021, Gallery AAAA) handelt es sich um aktuelle Einzelpräsentationen Eggers in Wien. Neben zahlreichen Ausstellungspublikationen werden seine Texte regelmäßig in internationalen Kunstmagazinen wie SPIKE, Springerin, Camera Austria u.v.m. veröffentlicht.