Criticism / Reviews

Claudia Rohrauer: Magnifications & Hallucinations, Galerie Marenzi, Leibnitz

Die analoge Fotografie und die damit einhergehenden medientheoretischen und technischen Fragen sind der zentrale Untersuchungsgegenstand in Claudia Rohrauers künstlerischer Arbeit. Es sei, als ob sie die Fotografie durch ein Prisma breche und sich auf diese Weise die einzelnen fotografischen Aspekte ähnlich dem Lichtspektrum auffächerten, so die Künstlerin zu ihrer Arbeitsweise.1 Die Ausstellung Magnifications & Hallucinations in der Galerie Marenzi in Leibnitz versammelt Arbeiten aus der Werkgruppe Parnidis Grain Studies (seit 2018), deren Ausgangspunkt in ihrer Residency in Litauen liegt. Entlang künstlerischer und wissenschaftlicher Kriterien befragt Claudia Rohrauer die Abbildbarkeit der kleinsten sichtbaren Einheit der analogen Fotografie, dem Silberkorn, und jene der Sanddüne, dem Sandkorn. In den Titel schreibt sich neben dem Korn auch der Ort, die Parnidis-Düne auf der Kurischen Nehrung, eine der höchsten Wanderdünen Europas, ein.
Die Resultate der Annäherungen an mögliche Formen der Parnidis-Düne mittels ihres Sandes zeigen die Fotogramme Dune Reconstructions (2018): Der Sand-Abdruck auf dem Fotopapier im Abbildungsmaßstab 1:1 hinterließ unterschiedliche Formationen, manche sehr klar, andere schemenhaft, abstrakt. Lehrbüchern entnommen, Schwarz-Weiß invertiert, auf Barytpapier abgezogen, rahmen Dünen-Abbildungen, die die Künstlerin in der Bibliothek vor Ort recherchiert hat, die neunteilige Serie. Diese im Farbverhältnis umgekehrten akademischen Illustrationen, die bis ins Jahr 1930 zurückreichen, befragen gemeinsam mit den spielerischen empirischen Versuchsanordnungen der Künstlerin Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens. Der folgende Nebenraum zeigt die Buchinstallation Grain Provocations (2018/21). Mittels 13 Barytabzügen in Archivhüllen mit Ringbindung untersucht Claudia Rohrauer hier das Verhältnis zwischen Sandkorn und Silberkorn mit unterschiedlich empfindlichen Schwarz-Weiß-Filmen und erprobt die Begriffe Empfindlichkeit und Auflösung. In dem Spiel zwischen Abgebildetem und Abbildendem tritt zunehmend das fotografische Korn in den Vordergrund und wird zum Motiv. Das in den Fotografien ebenfalls abgebildete Lineal dient als Marker der Versuchsanordnung, der neben den handschriftlich notierten Details den empirischen Forschungscharakter unterstreicht.
In der Serie Microscopic Grain Overlap (2022) führt Claudia Rohrauer die Versuche mittels Mikrofotografie konsequent weiter und treibt die fotografische Körnigkeit auf die Spitze: Sie zeigt die mit verschiedenen Objektiven aufgenommen zehn-, zwanzig- oder fünfzigfachen Vergrößerungen des gleichen Negativs. Zuletzt sind die Sandkörner nicht mehr erkennbar, das Silberkorn gewinnt Überhand; das Abbildende tritt gegenüber dem Abgebildeten hervor. Der Marker im Bild ist nun der charakteristische Rand des Negativs.
Während der Residency richtete die Künstlerin ihren Blick immer wieder durch den Sucher der Kamera, vor allem bei Wanderungen durch die Parnidis-Düne. Die entstandenen Schwarz- Weiß-Aufnahmen zeigen eine karge Pflanzenwelt, wellenförmige Strukturen oder Spuren im Sand. In der Serie underwater (hallucinations) (2022), installiert im zentralen Ausstellungsraum, befragte Claudia Rohrauer diese Aufnahmen nach formalen Analogien zur Unterwasserfotografie und bediente sich der historischen Technik des Kolorierens. Sie arbeitete mit Eiweißlasurfarben in unterschiedlichen Blau und Grüntönen, um den Eindruck von Unterwasseraufnahmen nachzuempfinden: Eine vermeintliche Meeresflora leuchtet in Rot, Pink und Gelb; Punkte in unterschiedlichen Blautönen überlagern die Wellenformationen des Sandes. Präsentiert werden die Blätter in auf Stativen fixierten Entwicklerschalen. Sie bilden den Rahmen und spielen zugleich auf den künstlerischen Produktionsprozess an.
An der Wand abermals historisches wissenschaftliches Material. Eine Illustration zeigt John Ernest Williamsons tauchfähige Apparatur, die »Photosphere«: Eine »kugelförmige Stahlkammer im Durchmesser von circa 1,2 Meter«, die knapp Platz für zwei Personen bot, 75 Meter in die Meerestiefe ragen konnte und mit dem Frachtkahn Jules Verne verbunden war, ermöglichte es ihm, Unterwasseraufnahmen zu machen. 1913 begann Williamson, die ersten Unterwasserfilme zu produzieren, so auch die Aufnahmen für Twenty Thousand Leagues Under the Sea (20 000 Meilen unter dem Meer, 1916).2 In ihrer konzisen Ausstellung macht Claudia Rohrauer medienspezifische Themen auf, die sich als archäologisches Erbe der Fotografie als historisch- gesellschaftlich, mythisch aber auch ontologisch in das kulturelle Gedächtnis eingegraben haben.

1   Claudia Rohrauer im Gespräch mit Jasmin Haselsteiner- Scharner anlässlich der Ausstellung https:// galeriemarenzi.at/aktuell/.
2   Ann Elias, »Williamson und die ›Photosphere‹«, in: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie 156/2020, S. 43–50, hier S. 43.