David Malković. New Reproductions, Mousse Publishing, Mailand 2013
In: Camera Austria International, Nr. 127/2014, S. 95–96.
Mit diesem Künstlerbuch führt David Maljković einmal mehr seine Virtuosität im Umgang mit Display-Strategien vor: Mit dem Buch als »Schaukasten« für seine künstlerische Arbeit spannt er einen Referenzbogen zwischen Inhalt und Form(at) auf, der sein künstlerisches Schaffen in den Medien Film, Fotografie, Malerei/ Zeichnung, Sound, (Display-) Skulpturen fasst und nun um das Format Buch erweitert. Seine Beschäftigung mit dem politischen Vermächtnis des ehemaligen Jugoslawien und den Utopien einer vergangenen Epoche zieht sich ebenso durch die Publikation wie seine Arbeit an Displaystrategien – einmal mehr durchbuchstabiert in dem vorliegenden Künstlerbuch. Die Reihe der 48 collagierten Abbildungen, aus der das Buch besteht, beginnt mit dem Bild einer vielbenutzten Kodak Farbkarte mit Graustufenkeil und dem vorgelagerten Foto einer Seite 17, die eine Männerhand mit Armbanduhr zeigt. Die alte Farbkarte, auf der »Magenta« und »Primary Red« den gleichen Farbton aufweisen, könnte aus dem gleichen Jahrzehnt sein wie die Uhr mit eingebautem Lautsprecher und mag an eine Requisite aus den ersten »Star Trek«-Serien oder an ein Gadget von Dr. Q aus frühen »James Bond«-Filmen erinnern. Auf der semantischen Ebene beginnt die Publikation mit dem englischen »watch« für Armbanduhr, das auch die Bedeutung des beobachtenden Schauens, des Überwachens, wie auch des Zuschauens inne hat.
Als Raster des Buches dienen seine »linken« Seiten ebenso wie die Grau- und Farbwerte der Kodak Farbkarte – jede »rechte« Seite wird von einem Wert begleitet – jedoch gelten nicht die tatsächlichen Farben der abgebildeten Karte als Referenz, sondern sie werden aktualisiert und als Cyan, Violett oder Magenta gedruckt. Dieses wesentliche Moment in der Arbeitsweise von David Maljković – die Strategie des Überarbeitens und In-die-Gegenwart-Bringens, um den aktuellen Zustand zu artikulieren – wird hier beispielhaft vorgeführt.
Im Buch selbst lenkt die Dramaturgie der Sequenz den Blick der BetrachterInnen. »In meiner künstlerischen Praxis ist die Strukturierung der ausgewählten Themen viel wichtiger als das Thema selbst …«1, so David Maljković. Die eingangs beschriebene Collage der Herrenarmbanduhr wird von einer kleinen Installationsansicht, die in der Ausstellung »Temporary Projections« (2011) in der Wiener Galerie Georg Kargl aufgenommen worden sein könnte, überlagert. Der Porträtzeichnung datiert mit 10. ×. 2041 folgt eine Aufnahme von »Images with Their Own Shadows«, vermutlich aus dem Jahr 2009 bei Metro Pictures in New York, und danach folgt die Arbeit »These Days« (2007). Die Choreografie der Collagen – mit jedem Blatt addiert sich eine weitere Reproduktion einer Arbeit und das im doppelten Sinne – schichtet und verdichtet verschiedene Realitäten ohne Linearität oder Chronologie.
Durch die bis zu 48-fache Fotografie in der Fotografie ist eine metareferenzielle Arbeit entstanden, die ihr eigenes Medium und damit auch die Arbeitsweisen durchleuchtet. In der Entwicklung der Collage wird die Fotomontage als einer der Vorläufer angesehen, bei dem sich Methoden vielfach überschneiden; Künstler der Moderne werden untrennbar damit verbunden. Text spielt in Maljkovićs Buch eine nebensächliche Rolle. Es werden keine Titel der abgebildeten Arbeiten angeführt und die fünf kurzen Texte sind weder vor- noch nachgereiht, sondern als Buch im Buch auf die einfarbig linken Seiten gedruckt und entpuppen sich als eklektische Mischung, die lose mit den Inhalten verknüpft sind: Die Autorin Maria Fusco entwirft »The Story of the Grid System«, in welchem sich das als weiblich personifizierte Gittersystem als stiller Dienstleister für Inhalte anbietet. Abgedruckt ist auch das Editorial von The Federal #2, einem periodisch erscheinenden »artwork reader«, der um ein singuläres Kunstwerk kreist; Künstler und Poet Karl Larsson hat mit »Unknown model, love it more« Prosa beigesteuert. Diese Textform, deren (literatur-)geschichtlicher Erfolg sich vor allem im 20. Jahrhundert manifestiert und die zugleich verknüpft ist mit dem Zerfall verbindlicher Weltbilder im Prozess der Moderne, fügt sich nahtlos in den Modernekosmos des Künstlerbuches ein. Das für David Maljković so wichtige Wiederaufgreifen von Abbildungen bestehender Arbeiten, diese zu Schichten und somit verschiedenen Zeitlichkeiten zu verdichten, aber zugleich einem Displaysystem unterzuordnen, wird in diesem Buch mit Spielarten der Moderne – Farbfotografie, Prosa, Collage – gegengelesen, überarbeitet und fortgeschrieben.
1 »David Maljković im Gespräch mit Fiona Liewehr«, in: Temporary Projections, Kat. Wien: Georg Kargl Fine Arts 2011, S. 66. Bereits hier folgt David Maljković der Struktur der sich überlagernden Abbildungen, indem die Installationsansichten Doppelseite für Doppelseite dem Ausstellungsparcours folgen und Abbildungen einzelner Arbeiten sich einfügen.