Lisa Rastl: Elfriede-Mejchar-Preis für Fotografie 2024, FLUSS, Schloss Wolkersdorf im Weinviertel
In: Camera Austria International Nr. 167/2024, S. 73.
Fragen des Fotografischen und der Reproduktion sind zentral im Werk beider, Elfriede Mejchar und Lisa Rastl; für die Patronin und ihre erste Preisträgerin sind Untersuchungen dazu in der künstlerischen wie auch der in Auftrag gegebenen Arbeit zentral. Zumeist sind Reproduktionen zielgerichtet und mit Benjamins Aufsatz zur Reproduzierbarkeit galt die Fotografie als ihr Medium. Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich jedoch attestiert dem Stellenwert der Reproduktion einen Wandel. War ihr »Meinungsbild« lange geprägt von »[k]ulturkritische[n] Ressentiments, gekoppelt mit der kunstreligiösen Grundierung des Zeitalters, die allein das Original begünstigt[en]«, stehen wir aktuell Fragen zum Reproduktionswesen mit vermehrtem Interesse und »unvoreingenommene[r] Neugier« gegenüber.1 In ihrer Ausstellung gibt Lisa Rastl nun einen sehr differenzierten Einblick in ihre Untersuchungen zur fotografischen Reproduktion. Der klare Ausstellungsaufbau folgt dem Raumprogramm des Schlosses und teilt sich in einen dialogisch aufgebauten Salon und drei Galerieräume mit jeweils einem präsentierten Werkkomplex. In den Räumen fügen sich zusätzlich die lobenden Erwähnungen des Elfriede-Mejchar-Preis mit jungen Positionen der HTBLVA Graz- Ortweinschule ein: Lea Blagojević, Zoe Ebner und Niklas Putz; thematische Markierungen setzen vereinzelt Arbeiten von Elfriede Mejchar.
Die in Rom begonnene multimediale Arbeit Failing the Original (seit 2013) untersucht zwei- und dreidimensionale Reproduktionen von Skulpturen griechischer Klassik und impliziert damit wohl auch Überlegungen der platonischen/ aristotelischen Mimesis-Debatte. Rastl lädt die Besucher*innen ein, mit einem knallroten Frisbee in der olympischen Disziplin des Diskuswurfs nach antikem Vorbild – es handelt sich um Myrons Diskobolos (450 v. u. Z.) – zu posieren. Als Vorlage für die performative Handlung dienen Aufnahmen eines Gipsabgusses der Statue, als Hintergrund ein wandfüllendes Textil einer Farbreferenzkarte. Im gleichnamigen Video versuchen sich Studierende des College of the Arts in Windhoek am selben Setting. Diese Auseinandersetzung der Studierenden in Namibia geht zurück auf Rastls Recherchen zum deutschen Künstler und Pseudowissenschaftler Hans Lichtenecker, der dort 1931 unter anderem mit Gipsabgüssen – der ethnologischen Tradition der 1930er-Jahre entsprechend – in seinem menschenverachtenden »Archiv der aussterbenden Rasse« die Zusammenhänge zwischen Charakter und Körperform erforschte. Die Künstlerin kommentiert dies mit einem Farbfächer unterschiedlicher Hautfarben vor dem weißen Gipskopf des Diskobolos, wie eine Fotografie auf dem schwarzen angrenzenden Tableau zeigt. Die bis heute als verschollen geltende Bronzestatue ist durch Kopien überliefert. Die in Gips gegossenen Körperteile werden von der Künstlerin in einer Geste der Dekonstruktion akribisch vermessen, und wiederkehrend zeigen kleinformatige notizartige Aufnahmen den von Lisa Rastl geteilten Blick durch die Mattscheibe. Infolge des Vermessens einer Kopie entsteht ein Original.
Wann ist eine Reproduktion weit genug vom Original entfernt, dass sie als eigenes Kunstwerk gelten kann, lautet die Ausgangsfrage der Arbeit Homage to a (…) square, after Josef Albers (2020–2023). Sie wird verhandelt in der stufenweisen Sichtbarmachung des Reproduktionsprozesses, der Farbunterschiede oder der Schärferelationen; es ergibt sich ein Qualitätsverlust seitens des Originals, wodurch die Autorinnenschaft von Lisa Rastl profitiert. Indem der Werkkomplex Museum im Zustand (2000– 2010) (De)Installationsarbeiten, die von Arthandler* innen angebrachten Namen der Künstler* innen protokolliert oder den Prozess des Reproduzierens filmisch festhält, lotet er die Frage nach dem künstlerischen Werkcharakter weiter aus. Einblick in eine aktuelle Arbeit gibt For example: a (red) ball (2024); Rastl arbeitet am runden Objekt, an der (Un-)Möglichkeit der Darstellbarkeit seiner unterschiedlichen Seiten, untersucht seine Bewegung und Farbveränderungen, auch unter Einbeziehung Künstlicher Intelligenz. Spätestens an dieser Stelle dämmert die Frage, ob nicht oftmals die fotografische Reproduktion interessanter oder überraschender ist als ihr Original. Diese Ausstellung liest sich klar als Plädoyer!
1 Wolfgang Ullrich, Raffinierte Kunst. Übung vor Reproduktionen, Berlin: Wagenbach 2009, S. 16.