New Views on Same-Olds, Ausstellungsraum der Akademie der bildenden Künste Wien
In: Camera Austria International, Nr. 153/2021, S. 81–82.
Während des Tanzens verliert sich das normative Verständnis von Zeit. Bei den Beats elektronischer experimenteller Musik von Wiener und internationalen Musiker*innen und Künstler*innen wird Loop erfahrbar. Die Endlosschleifen der Musik, verbunden mit der kulturellen Figur des Loop, bilden den Ausgangspunkt, um über Formen der Zeitlichkeit nachzudenken, die in verschiedenartigen (Bild-)Produktionen widerhallen. Der gemeinsam mit Soso Phist kuratierte Musikraum Space for Collective Listening ist zentral für das Projekt New Views on Same-Olds, welches das Erfahren von Zeit infrage stellt. Wie linearer Strukturen und binärer Systeme denken? Wohin führt ein endloses Wiederholen, das aus der Arbeitswelt industrieller Fertigung ebenso bekannt ist wie aus der Clubmusik und -kultur? Was liegt in diesem Spannungsfeld der Clubkultur zwischen Kollektivität und Individualität? Wie lässt sich eine Veränderung der Zeitstruktur in Machtgefällen denken? Zum Nachdenken über loophafte Erzählformen haben die in den 1990ern geborenen Kurator*innen June Drevet, Andrea Popelka und Stefanie Schwarzwimmer 21 Künstler*innen eingeladen.
Die Ausstellung öffnet mit einem Warteraumszenario, in dem drei nebeneinandergereihte Stühle auffordern, Platz zu nehmen und den telefonischen Begegnungen Bernadette Mosers mit kafkaesken bürokratischen Strukturen in Warteschleifen (2020) zuzuhören. Die Kopfhörer daneben bieten den eingelesenen Text Mark Fishers »If I Trust You: London Beyond Capitalist Realism « an. Der zuerst als Blogger k-Punk bekannt gewordene britische Theoretiker verfasste ihn 2015, als der Wahlsieg der Tories ein Fortschreiben und eine Zuspitzung neoliberaler Politik besiegelte: »Five more years of finance capital and food banks, desperately ill people, forced back to work, committing suicide, five more years of even the most fortunate amongst us being condemned to fear and misery. More of the same, except the same is getting worse all the time.«
Aufgegriffen wird diese Kritik in den angrenzenden Arbeiten. So lümmelt auf der Wartebank zwei Plätze weiter ein Brot. Anna Pauls Brotskulpturen Sortiment (seit 2020) entstehen aus dem überschüssigen Teig einer Wiener Großbäckerei, der, bevor er als Semmelbrösel endet, in groben Teigschlangen ausgebacken wird. Eine Video-Kompilation mit monotonen, aber verführerischen Bildern industrieller (Lebensmittel-)Fertigung schließt hier an, die elastische Materialität von Eis und Teig kontrastiert mit der Härte der Metalle. Drei Kompilations aus unterschiedlichem YouTube-Videomaterial werden als kuratorische Setzungen auf am Boden platzierten Hantarex-Monitoren gezeigt. Ein leerer, auf einem der Bildschirme stehender Kaffeebecher irritiert und bringt nach Taxonomien fragende Konzepte der Kunst ins Wanken.
Eine besonders gelungene Kompilation rekurriert als popkulturelle Referenz auf Technology / Transformation: Wonder Woman (1978). In diesem ikonischen Werk feministischer Kritik montierte Dara Birnbaum das Verwandlungsmoment der Sekretärin Diana Prince zur Superheldin in der beliebten Fernsehserie Wonder Woman via Loop zu einem verflachten, repetitiven Musikvideo. In ihrer Hommage an Birnbaum rhythmisierten die Kurator*innen Transformationsmomente Sailor Moons, die Protagonistin der gleichnamigen Anime-Serie der 1990er, und verweisen in ihrem Remix auf Praxen der Fankultur sowie Mashup und Sampling.
Unweit davon läuft »Stronger« der Sugababes als Musikvideo. Es ist in einer zweckentfremdeten Playstation Portable integriert, die wiederum Teil eines rückwärts laufenden Videos ist, welches Menschen auf einer Straße in Nordlondon zeigt. Hier hallt Diedrich Diederichsens Aussage wider, dass »es nur gut ist, wenn bildende Kunst und Musik sich gegenseitig erklären und eigentlich auch alle anderen bis dahin spezialisierten, separierten, arbeitsteilig getrennten Diskurse eben nicht voneinander getrennt werden«. Zeitlichkeiten werden gesampelt und Fragen der sich schnell ändernden Musikindustrie und -piraterie aufgemacht. In der erweiterten Installation fügt Adam Farah (auch unter free. yard praktizierend) billige weiße Kunststoffgartenstühle, die warten, und Schleierkraut, das in Plastikflaschen mit KA Grape Soda und Poppers steckt – ein kultureller Marker – zu einem sozialen Bild der Musik. Dies mögen Assoziationen zu Orten sein, von denen Mark Fisher im oben genannten Text schreibt: »And yet, beneath dominant London, beyond the conquered city, in those few cramped common spaces that remain, in private dwellings used like bunkers for refuge from the desocialising catastrophe all around, . . . here astonishingly, another city subsists, a city of fragmentary joy, of a fellowship that is all the more intense because of its fugitive and fleeting quality . . . .«
Zeit nicht als normative lineare Struktur, sondern als antikapitalistische Geste zu denken, ist zentral für Kelly Ann Gardener. In ihrer für New Views on Same-Olds beauftragten filmischen Arbeit ariel in counterpoint (2020), einer dreiteiligen Installation, verlaufen Erzählstränge parallel, verlieren sich, finden an anderer Stelle wieder zusammen, beginnen oder enden. Die Künstlerin setzt das sich in seiner Gestalt ständig ändernde nordenglische Saddleworth Moor in Bezug zu nicht linearer Zeitlichkeit und entspinnt Narrationen aus seiner historischen und ökologischen Gesamtheit. Auch indigene Erzählweisen folgen anderen temporalen Konzepten. Das traditionelle kongolesische Erfahren von Zeit ist für Nada Tshibwabwa Ausgangspunkt seiner kindlich anmutenden Zeichnungen: Das Physische ist nur ein Teil des Seins und in seinen Arbeiten erweitert er autobiografische Erfahrungen um Unsichtbares, Zukünftiges oder Vergangenes.
Fragen der (Un-)Sichtbarkeit verhandelt auch Susanna Hofers Holiday on Ice (call it horizon and you will never reach it) (2019). Die wandfüllende Tapete zeigt das rechte Bein einer Eiskunstläuferin als eingefrorene Bewegung, vom Screen fotografiert, die Streifen und der Bewegungsschimmer enträtseln den Ursprung des Bildes; die Anstrengung hinter den unzähligen Malen, die die Sportlerin die immergleichen Bewegungen wiederholen musste, um die Perfektion des Eiskunstlaufs einzuarbeiten, bleibt allerdings verborgen. Die Verbindung von Wahrnehmung und das Migrieren von »poor images« mit veränderten Kontexten, deterritorialisiert, kopiert, komprimiert und letztendlich in geringer Auflösung verarbeitet, sind Teil von Natasha Eves’ Arbeit. In unravel (2020) paart sie Aneignung mit Übersetzung und überführt eine auf YouTube hochgeladene Szene mit den Trickfilmfiguren Sylvester und Tweety und der strickenden Granny in eine lange Strickarbeit. Die fehlerhafte automatisierte Übersetzung des Untertitels mit »stigmatism« (statt »astigmatism«) findet Eingang in die vielen Schlaufen ihres Strickstückes.
Das repetitive Element zieht sich auch durch die Installation der Ausstellung: Immer wieder treffen Besucher*innern auf die malerischen Arbeiten Vika Prokopaviciutes. Deren schleifen und wurmartige Formen mäandern über Leinwände, tauchen aus Hintergründen auf, winden sich in den Vordergrund, um vielleicht gleich danach wieder abzutauchen. Barbara Kapustas As Many Holes and Folds as Can Be (2019) wird ebenso als wiederkehrende Arbeit präsentiert. Der durch den Boden/die Decke fließende schwarze Wandtext der Otto Mauer-Preisträgerin 2020 entspinnt einen Austausch zwischen den Protagonisten Hole und Fold über ihre loophafte Form und ihre sich ändernde Körperlichkeit des Seins »AFTER FOLD’S ARRIVAL, HOLE’S BOD Y BEGAN TO CHANGE.« Gerade in diesen Tagen, in denen der Zeitbegriff ins Wanken geraten ist, scheint dieses Befragen der Zeitlichkeit in der Figur des Loops und dieses Abklopfen seines Potenzials dringlich und aktuell.