Criticism / Reviews

Olga Chernysheva: Chandeliers in the Forest, Secession, Wien

ArbeiterInnen einer Glasluster-Fabrik konnten nicht mehr bezahlt werden und erhielten Kronleuchter als Entlohnung. Am Waldrand entlang einer von TouristInnen befahrenen Straße wurden diese edlen Stücke an einer einfachen Konstruktion aus Holzstöcken zum Verkauf angeboten. Diese Anekdote von Menschen, die nun mit Pragmatismus und Einfallsreichtum ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, hat Olga Chernysheva in der poetischen fünfteiligen Serie von Leuchtkästen »On the Sidelines« (2010) festgehalten und zum Titel ihrer Schau gemacht. Sie mag auch stellvertretend für die Arbeitsweise der Künstlerin stehen, einer scharfsinnigen Chronistin des zeitgenössischen postkommunistischen Russlands, deren Themen sich am alltäglichen Leben ihrer Landsleute orientieren und sich jeglicher Zeitlichkeit entheben. Boris Groys, der immer wieder Texte zu ihrer Arbeit verfasst, schreibt, sie bilde »nicht schlichtweg einfache Leute aus der sicheren, unbestrittenen Position des Berufskünstlers ab, wie das der herkömmliche Realismus getan hatte. Sie sucht vielmehr nach den Momenten künstlerischen Verhaltens, die von den Leuten selbst manifestiert werden.«1 In universellen Themen nimmt Olga Chernysheva auch die Auswirkungen neoliberaler Auswüchse in der Pseudo-Demokratie eines Wladimir Putin in den Blick.

Die von Bettina Spörr kuratierte Ausstellung beginnt im Untergeschoss und setzt sich über das Stiegenhaus im Obergeschoss fort. Eingangs kommt es zur Uraufführung des 27-minütigen Videos »Chekhov Museum« (2017), in dem Olga Chernysheva die BetrachterInnen zu einer privaten Tour durch das Museum mittels Handkamera mitnimmt. Die Künstlerin wird vom Aufsichtspersonal des gut besuchten Museums mehrmals auf ein in der Situation widersinniges Regelwerk – trotz Erlaubnis durfte sie nur eingeschränkt filmen – hingewiesen. Des Weiteren werfen durch Kordeln abgetrennte Räume Fragen der Repräsentation ebenso auf, wie die Rekonstruktion der Räume anhand von Zeichnungen, angefertigt von Anton Tschechows jüngerem Bruder, die originalgetreuen Nachbauten der Exponate oder die ausgestellten Faksimiles. Nicht die Inszenierung, sondern die scharfsinnige Beobachtung des Geschehens lässt die Ambivalenz der Figuren in den Dialogen sichtbar werden – wie eine unsichtbare Parallele zu Tschechows Stücken. Es gelingt Olga Chernysheva, einen Moment der Menschlichkeit im System zu erkennen und einzufangen: Die vermeintliche Kunstvermittlerin entpuppt sich als Aufsicht, als die offizielle Vermittlerin den Raum betritt. Diese filmische Arbeit knüpft an ihre fotografische 14-teilige Serie »Guards« (2009) an: meist schwarzweiße Ganzkörperporträts von Museumsaufsichten, die Uniformen tragen und vor neutralem Hintergrund – in einem Moment latenter Aufmerksamkeit – aus dem Bild blicken.

Momente des Stillstehens und des Wartens kehren in der Ausstellung auch in den mit aufgeklebten Titeln versehenen Kohlezeichnungen des technischen wie politischen Begriffs »Escalation « (seit 2014) von rolltreppenfahrenden Menschen und in den sieben Kohlezeichnungen »Queuing« (2017) wieder. Letztere sind im Stiegenhaus aufsteigend zum Grafischen Kabinett in einem Rahmen – in Form eines Parallelogramms und parallel zum Handlauf – montiert. Die für die Ausstellung entstandene Arbeit zeigt Varianten der angespannten Beine der Scheuklappen tragenden Wiener Fiakerpferde, die ja nicht dazu gemacht sind, in einer Reihe auf zahlende Gäste warten. Jedoch, so die Beobachtung Olga Chernyshevas, habe sich mittlerweile ein automatisches Nachrücken beim In-der-Reihe-Stehen in den Bewegungsapparat der Fiakerpferde eingeschrieben.2 In ihrer seriellen und realistischen Momenthaftigkeit sehr detailgetreu, muten diese Zeichnungen fast ein wenig fotografisch an und führen einen Blick der Künstlerin auf Wien vor.

Auch jenseits von geografischen Festschreibungen manifestieren sich die universellen Komponenten Chernyshevas Arbeit, so in der für Wien 18-teiligen Auswahl der Videoinstallation »Screens« (2010, 2013, seit 2017); hier fallen Film, Text und Musik in eins. Die langen Kameraeinstellungen werden von Weißraum umrandet, von überblendenden Texten in Englisch und Russisch begleitet und von einer Schostakowitsch-Interpretation Keith Jarretts eingefasst. Neben dem Visuellen ist auch Sprache ein zentrales Medium für die als Animationsfilmemacherin ausgebildete Künstlerin, die die kurzen Texte verfasste. Die Titel entsprechen den Themen der Sammlung von Alltagsmomenten und lauten »plastic bags«, »lines on the snow«, »portrait«, »nightgown«, »lion«, »on Red Square«, »dances« oder »private spaces« und zeichnen in der Form eines poetischen Gesamtkunstwerkes das Interesse der Künstlerin nach, die Menschen in ihren Lebenswelten zu verstehen: Alltags- und Hochkultur sind empathisch verwoben, minimale Ereignisse rücken in den Fokus, sind von einer Überzeitlichkeit geprägt und halten kritisches Potenzial.

1 Boris Groys, »Auf der Suche nach dem Großen Sonntag«, in: Silke Opitz (Hg.), Olga Chernysheva. Compossibilities, Kat., Ostfildern: Hatje Cantz 2012, S. 20–31; S. 20.
2 Olga Chernysheva im Gespräch mit Kathrin Rhomberg zur Ausstellung am 24. Jänner 2018. https://secession.at/ausstellung_olga_chernysheva [Stand: 2. 2. 2018]