Out of Focus: Leonore Mau und Haiti. Eine Ausstellung von U5
Städtische Galerie im Lenbachhaus, München
Welche Strategien des Zeigens und Nichtzeigens lassen sich für ein fotografisches OEuvre erarbeiten, das sensible, aber auch diskriminierende und klischeehafte Darstellungen umfasst und zudem Bilder enthält, die gar nicht existieren dürften? Wie kann man sich mit vergangenem Unrecht auseinandersetzen, ohne institutionelle Machtverhältnisse und überkommene Hierarchien zu reproduzieren? Welche institutionellen Handlungsperspektiven öffnen sich bei kritischer Neubetrachtung? Vor dem Hintergrund solcher und ähnlicher Fragestellungen, die in einem seit 2021 laufenden Forschungsprojekt1 der Universität Zürich ihren Ausgangspunkt nehmen, zeigt das Lenbachhaus Aufnahmen der Fotografin Leonore Mau (1916–2013) aus Haiti.
Um die Fotografien des Haiti-Nachlasses von Mau, der sich in Obhut der bpk-Bildagentur befindet, weiter zu befragen, haben die Kunsthistorikerin Dora Imhof und das Schweizer Künstlerinnenkollektiv U5, das seit 2007 oftmals in forschungsnahen Zusammenhängen arbeitet, ein breites Netzwerk an Akteur*innen aufgespannt: Gemeinsam mit Personen aus Haiti, aus der haitianischen Diaspora, mit Forschenden, Künstler*innen, aber auch mit Vodou-Priester* innen haben sie in unterschiedlichen Formaten Maus Aufnahmen untersucht, die Ambivalenzen und Kontexte dieser Fotografien diskutiert und Strategien und Möglichkeiten für einen verantwortungsvollen Umgang damit erarbeitet. Aber wie kann eine aus dem Globalen Norden kommende Person mit dem Haiti-Nachlass und zugleich mit Menschen mit haitianischem kulturellem Hintergrund arbeiten, ohne abermals extraktivistisch zu sein? Klar, ganz lassen sich Strukturen nicht vermeiden, aber in vielen Gesprächen kamen Imhof und U5 mit der haitianisch-amerikanischen Anthropologin und Künstlerin Gina Athena Ulysse überein, mit ihr zunächst in der Rolle als Consultant zu arbeiten – mittels Transparenz und in einem offenen Anerkennen der Schwierigkeiten.2
Out of Focus: Leonore Mau und Haiti. Eine Ausstellung von U5 bedient nicht das erwartbare Format einer wissenschaftlich orientierten Ausstellung mit Dokumenten, Zeugnissen und Gesprächsmitschnitten aus dem Forschungsprozess, sondern bietet den Aufnahmen von Leonore Mau ein von Künstlerinnen entwickeltes Environment. Im Zentrum des gänzlich in Blau gehaltenen Ausstellungsraumes, in dem eine zeltähnliche Struktur aus einem weißen, feinmaschigen Netz installiert ist, wird eine nach unten gerichtete Projektion der Haiti-Fotografien (1972–1978) gezeigt: Die Bilder scheinen in einem weißen Bassin zu schwimmen – am Rande laden Hocker zum Verweilen ein. Madafi Pierres Soundscape füllt den Ausstellungsraum mit dem Rauschen von Wasser, fallweise unterbrochen von Stimmengewirr in Kreyòl, von sanften Klängen eines Windspiels oder von instrumental begleiteten rhythmischen Gesängen. Unweit der Projektion ragt eine transparente Säule mit acht Etagen, gefüllt mit bunten Keramikskulpturen, unter denen sich auch eigentümliche Geschöpfe tummeln, in die Kuppel.
Diese Reisen nach Haiti, auf die mehrmonatige Aufenthalte folgten, unternahm Leonore Mau gemeinsam mit dem Schriftsteller Hubert Fichte (1935–1986), ihrem Partner. Beide begeisterten sich für Schwarze Kultur, deren Ästhetik und für afrodiasporische Religionen. Als ausgebildete Bühnenbildnerin und Pressefotografin hatte Mau einen an Situationen geschulten Blick und ein ausgeprägtes Verständnis für räumliche Strukturen. Gemeinsam mit dem als Vordenker der Queer Studies und postkolonialen Forschung geltenden Fichte publizierte sie in Reise-Magazinen; aus jener Zeit in Haiti erschienen auch zwei Bildbände, Xango (1976) und Petersilie (1980), in denen Maus Aufnahmen von Fichtes Ethnopoesien begleitet wurden.
In dem auf Wasser fokussierenden Ausstellungsenvironment fließt ein flüchtiger Bilderstrom mit locker thematisch gefassten Bildern. Eine Auswahl von rund 200 Fotografien (aus einem Konvolut von mehr als 3 000), in der alltägliche Szenen einen Einblick in das öffentliche Leben geben: urbane Szenen, darunter Märkte oder Ausschnitte von Straßenzügen, die mit Werbung bemalte Häuserwände oder Menschen zeigen; Situationen aus einer Schule, darunter Kinder, die für ein Gruppenfoto posieren oder sich mit Schuluniform fröhlich im Freien bewegen; auch Szenen mit Tourist*innen verwickelt in Verkaufsgespräche oder beiläufiges Treiben am Strand, Aufnahmen in Künstlerateliers und in einem Kunstmuseum, Szenen aus dem Karneval und Menschen, die möglicherweise in Vodou-Riten involviert sind.
Das Environment kommt ohne Text aus, lediglich ein kleiner Folder begleitet die Besucher*innen und verweist auf weiteres Bildmaterial: »Leonore Mau machte auch Aufnahmen von Vodou-Ritualen, die nur Eingeweihten vorbehalten sein sollten. Andere zeigen Menschen in vulnerablen Situationen, in denen sie keine Handlungsmacht haben, oder wiederholen Stereotype.« Es geht hier also nicht nur um Repräsentationsverhältnisse in den Fotografien Schwarzer Menschen, aufgenommen von einer weißen Person – die einen verantwortungsvollen und diskriminierungssensiblen Umgang mit ihrer Präsentation fordern –, sondern auch um Schnappschüsse, die voyeuristische Aufnahmen nahelegen3 oder um Bilder, die neokoloniale Strukturen (beispielsweise westlichen Warenverkehr oder [Massen-] Tourismus) reproduzieren. Zudem sind die Aufnahmen haitianischer Vodou-Zeremonien für Außenstehende kaum einzuschätzen: Was darf und was sollte nicht gezeigt werden? Für ethisch fragwürdige Bilder wurden kontextabhängige Formate entwickelt: Einige der Keramikskulpturen, die U5 im Laufe des Projektes schuf, sind verschlossene Behältnisse und verwahren Wasser, worauf problematisches Material projiziert wurde. Diese Geste spielt mit der Ambivalenz von Präsenz/Absenz und unterstreicht abermals die spirituelle Bedeutung des Wassers im Vodou. Ein weiteres Format des Zeigens, das ebenfalls im Rahmen der Ausstellung entwickelt wurde, nennt sich Relational Viewing. Hier wählen Teilnehmende zwischen den Sinnen und entscheiden, ob sie ein Bild sehen oder nur eine Bildbeschreibung hören möchten, im letzteren Fall bilden gesprochene Sprache und innere Bilder den Ausgangspunkt der Rezeption.
In der Ausstellung liegt die 352 Seiten umfassende, vielstimmige Publikation in den Sprachen Deutsch / Kreyòl und Englisch / Französisch auf. Ein Jahr und ein Tag. Leonore Mau und Haiti ist abermals in den Bereichen Forschung wie auch Kunst angesiedelt und vereint neben einem umfassenden Kalendarium ein Glossar sowie Beiträge von 16 Autor*innen. Der Anspruch der Publikation ist es, die Bilder Leonore Maus nie für sich stehen zu lassen: So sind sie entweder durch weitere Fotografien – U5 hat reizvolle Überlagerungen von Serien erarbeitet – oder durch Text im Kalendarium wie auch in den Beiträgen selbst kontextualisiert.
In ihrem schließenden Forschungsbericht geben Dora Imhof und U5 einen Ausblick auf das Projekt: Sie schreiben von Ariella Aïsha Azoulays »Potential Histories«, welche Leonore Maus Fotografien halten, das Potenzial für ein Narrativ jenseits der Klischees und für ein würdevolles Haiti. Die Frage nach dem Zeigen der Fotografien, welche aus dem Nachlass öffentlich zugänglich bleiben können und welche nicht, wird auch auf institutioneller Ebene und mit haitianischen Akteur*innen weitergeführt werden.4 Es bleibt mit Spannung abzuwarten, in welcher Form diese Bilder ihren Weg zurück nach Haiti finden.
1 »Konflikt und Kooperation. Episteme und Methoden zwischen Kunstgeschichte, Kunst und Ethnologie in den performativen Bildpraktiken der Vodun «, https://vodun-epistemologies.ch/.
2 Dora Imhof im Gespräch mit der Autorin am 12. Januar 2026.
3 Imhof schreibt in der begleitenden Publikation, »dass [Leonore Mau] die Menschen um Erlaubnis gefragt habe, bevor sie sie fotografierte. Es gibt in Maus Werk jedoch zahlreiche Fotografien, wo die Grenze eindeutig überschritten wird«. Siehe »An den Grenzen von Indiskretion und Faszination. Leonore Mau und Hubert Fichte in Haiti«, a. a. O., S. 52–64, hier S. 59.
4 Vgl. Dora Imhof und U5, »Out of Focus. Ein Forschungsbericht«, a. a. O., S. 297–303, hier S. 300.