Criticism / Reviews

Regine Petersen. Find a Fallen Star, Kehrer Verlag, Heidelberg / Berlin 2015

2014 erschien im Textem Verlag das kleine Büchlein A Brief History of Meteorite Falls, in dem Regine Petersen auf rund 200 Seiten Dokumente anordnete, die von stellaren Ereignissen kosmischen Ursprungs wie Feuerbällen, Meteoritenfällen oder Sternschnuppen zeugen. Seit Aufzeichnungen über solche Vorfälle existieren, gaben sie Anlass zu Spekulation, führten zur Bildung von Legenden oder Erstellung von Hypothesen ebenso, wie sie den Lauf der Dinge unterbrachen, Lebensrealitäten streiften und Wirklichkeiten generierten.

Nun ist im Kehrer Verlag Regine Petersens dreiteilige Publikation Find a Fallen Star mit beigefügtem achtseitigen Textheftchen, zusammengehalten in einem stabilen Schuber erschienen. Dreimal hat sich die Künstlerin auf den Weg gemacht, um Schauplätze von Meteoriteneinschlägen zu untersuchen und mithilfe von Augenzeugenberichten und forensischem Material den Ereignissen nachzuspüren, die Wege der Meteoriten nachzuzeichnen, sowie ihre Assoziationen fotografisch zuzuordnen.

Den Auftakt macht der Band Stars Fell on Alabama mit den Meteoritenfällen 1954 in Sylacauga, dem einzig bekannten Fall, bei dem ein Mensch von einem Meteoriten getroffen wurde. Ausgebreitet werden nun Reproduktionen von Dokumenten wie eine maschinegeschriebene Aufzeichnung einer Luftraumüberwachungsstelle, eine Postkarte, Zeitungsausschnitte oder Filmstills, dazu fügen sich Porträts von Augenzeugen sowie deren Nachkommen oder auch das Porträt des tief in den Nationalsozialismus verstrickten Raketeningenieurs Wernher von Braun. Dazwischen organisiert Regine Petersen Aufnahmen von den Einschlagsorten, dem stillgelegten Steinbruch von Sylacauga-Marmor – Marmor, der für zahlreiche repräsentative Bauten, so auch für das Weiße Haus, Verwendung fand –, einem Ameisenhaufen, Baumwolle, einer Schlange oder auch einem Esel. Innerhalb dieses Netzwerks bearbeitet das Konvolut jedoch die Geschichten zweier Personen: die der vom Meteoriten getroffenen Ann Hodges und die des afroamerikanischen Bauern Julius Kempis Mc- Kinney, der den anderen Meteoriten fand. Die Medien, Fernsehen und Tagespresse, machten sich diese Geschichten zunutze und haben sich als institutionalisierte Systeme mit spezifischem Leistungsvermögen in ihre Rezeption und Verbreitung eingeschrieben.

Der zweite Band Fragments beleuchtet den Meteoritenfund in Ramsdorf (DDR, 1958); eine Gruppe von Kindern beobachtete den Meteoritenfall und barg das Gestein am nächsten Morgen, um es dann in fünf Teile zu zerschlagen und untereinander aufzuteilen. Wie nicht anders zu erwarten, zeichnen die Berichte der damals Involvierten nach 56 Jahren völlig unterschiedliche Bilder des Geschehens. Zwischen diesen Augenzeugenberichten und der Dokumentation der Zusammenführung der einzelnen Meteoritenteile entfalten sich Versatzstücke aus DDRZeiten, die von der Politik der Eigentumsverhältnisse oder dem Umgang mit internationalem Forschungsinteresse berichten.

Der dritte und letzte Teil The Indian Iron bearbeitet den Meteoritenfund in Kanwarpura (Rajasthan, Indien) 2006. Hier bleiben Regine Petersens Fragen zu dem Fund für die LeserInnen offen, da die Antworten der nomadisch lebenden Schäfer in Hadoti transkribiert wurden. Später liest man in dem Auszug aus einem Internet-Post über das nahe Atomkraftwerk Rawatbhata – welches als Ursprungsort des Gesteins ins Spiel gebracht wird. Mittels sprachlicher Leerstellen und rätselhafter Abbildungen versucht dieser Band von verwestlichten Sichtweisen abzurücken und zu alternativen Herangehensweisen hinzuführen.

Chronologisch aufbereitet wurde in den drei Bänden jeweils dasselbe Ereignis – der Fall extraterrestrischen Materials auf die Erde – zu verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Kontinente. Reflexionen über Identität, das Verhältnis zur Realität und die Darstellung von Erinnerung sind wesentliche Ankerpunkte innerhalb des aufgespannten meteorologischen Referenzbogens und werden um poetisch anmutende, an anderer Stelle assoziative Bildmotive erweitert: von der Mondfinsternis zum Ei, vom sich bewegenden Reptil zum ruhenden Hund, taunasses Gras oder wiederkehrend das Motiv der Affen. Diese Bilder werden weggezoomt oder herangeholt, sie bergen Vergänglichkeit wie auch Zeitlosigkeit in sich. Somit ist es einerseits verwunderlich und andererseits konsequent gedacht: Der Index der einzelnen Bände, der mittels Seitenzahlen die Abbildungen benennt, kommt ohne jegliche Datierung aus. Dient das Alter eines Meteoriten als Bezugsgröße (bekanntermaßen stammt die älteste Materie, die auf Erden zu finden ist, aus dem All), ist der Zeitrahmen, in dem sich die vorliegende Publikation bewegt, verschwindend gering.

Die vielschichtigen Narrative dieser Episoden zeigen die Fragilität des kollektiven Gedächtnisses auf. Regine Petersen legt die Bandbreite der Erinnerungsarbeit dar, ebenso jene Regime, die »faktisches« Material produzieren, und fügt mit dieser Publikation der gemeinsamen Gedächtnisanstrengung eine weitere Ebene hinzu.